IVZ vom 13. Mai 2010

 

 

 

Kleine Genies

erwartet ein

großer Kampf

Eltern stehen vor Herausforderungen

Von Vera Konermann

 

Tecklenburger   Land.    Als Kira* schon im frühen Klein­kindalter ganze Sätze sprach, waren ihre Eltern stolz auf sie. Als eine Kinderärztin hei der damals Fünfjährigen eine besondere Auffassungsgabe diagnostizierte und zur vorge­zogenen Einschulung riet, wiegelte das Mädchen ab. Lieber auf die Freunde war­ten, nicht auffallen und erst mit sechs Jahren zur Schule gehen. Und das sei noch heu­te die Devise der inzwischen 13-Jährigen. Trotz ihres klei­nen Genies sehen sich Kira und ihre Eltern in einem gro­ßen Kampf. Schule, Freundes­kreis, Verwandtschaft — von einem normalen Umgang mit hochbegabten Kindern seien sie weit entfernt, bedauert Kiras Mutter,

Die Familie entschied sich, die besondere intellektuelle Begabung des Mädchens für sich zu behalten. Keiner von. ihren Freunden weiß, dass Ki­ra komplexe Zusammenhänge blitzschnell verstehen kann, dass sie mit ihrem Vater da­heim mit Herzblut politische und philosophische Fragen diskutiert. Bis zur vierten Klasse der Grundschule habe das Mädchen hervorragende Noten nach Hause gebracht, erzählt die Mutter. Dann wur­de es schwierig. „Kira hat ihre Hausaufgaben erledigt, aber hat es in der Schule nicht ge­sagt." Psychosomatische Beschwerden stellten sich ein, ein Krankenhausaufenthalt folgte. Schließlich ließen die Eltern ihre Tochter testen. Er­gebnis: intellektuell hochbe­gabt.

Heute weiß Kiras Mutter: „Sie hat nicht verstanden, wa­rum so ein Wirbel darum ge­macht wurde, wer auf welche Schule gehen soll," Die Emp­fehlung fürs Gymnasium be­kam die damals Zehnjährige lediglich mit Einschränkung. Eine Freundin konnte den El­tern allerdings Tipps geben, sodass Kira aufs Gymnasium kam.

Dort gehört sie trotz ihrer Talente keinesfalls zu den Überfliegern. Neben Zweien und Dreien sei sie auch jeder­zeit für unterirdische Noten zu haben, berichtet die Mut­ter. „Sin möchte einfach nicht auffallen, sie versteckt ihre Talente." Manchmal habe sie absichtlich Fehler in ihren Klassenarbeiten gemacht.

Lehrer reagierten oft unverständlich auf Kiras Begabung, die sich nicht so einfach in gute Schulnoten umwandeln ließen. Deshalb sind ihre El­tern dankbar, dass an den Schulen inzwischen beauf­tragte Lehrer für dieses The­ma zur Verfügung stehen. „Wenn es nun Probleme gibt, sagen wir: „Wenden Sie sich, bitte an die Vertrauenslehrerin“, erzählt Kiras Mutter. Es gebe auch Kollegen, die dank­bar für den Hinweis auf Kiras Hochbegabung seien. „Sie wissen dann, dass sie sie an­ders fordern können", so die Mutter. Das Leben mit einem hochbegabten Kind möchte Kiras Mutter trotz aller Her­ausforderungen nicht missen:

„Es  ist  auch  eine  Bereiche­rung."

Diesen Satz hört auch, wer sich mit der Mutter des sechs­jährigen Noah* unterhält. „Er macht sich so viele Gedanken, hat so viele Ideen, und er ist so gefühlvoll", berichtet sie Über ihren Filius. „Es ist schon ein Geschenk, aber...", sagt sie, seufzt und gesteht: „Ich komme oft an meine Grenzen." Im Alter von zwei Jahren konnte Noah zählen, mit zweieinhalb kannte er alle Farben. Er interessierte sich früh für Buchstaben und die Uhrzeit. Mit fünf hatte er sich Lesen und Schreiben beige­bracht. Er lernte Busfahrpläne auswendig, mauserte sich zum Fachmann im öffentli­chen Nahverkehr, Als Klein­kind sei er aber auch oft unausgeglichen bis aggressiv ge­wesen. „Irgendwie hatten wir das Gefühl, als fühle er sich nicht wohl bei uns", erinnert sich Noahs Mutter. Im Kin­dergarten fand er keine Freun­de. Den Erzieherinnen wurde der fast nur auf Erwachsene fixierte Junge schnell lästig.

Als Noah vier Jahre alt war, nahmen die Eltern Kontakt zum Verein „Pro Intelligenz" (dazu Artikel auf dieser Seite) auf - und stießen auf Ver­ständnis. Das aggressive Ver­halten habe er abgelegt, nach­dem die Eltern bereit waren, Noahs Hochbegabung anzuer­kennen. Sie setzten sich für einen Wechsel des Kindergar­tens ein und atmeten auf, als Noah seinen Eigenarten ent­sprechend gefordert wurde.

Auf  Anraten   der   Erzieher

wurde Noah mit fünf einge­schult. „Das haben wir Fach­leuten überlassen", berichtet die Mutter. Sorgen machen sich die Eltern des Erstklässlers schon, was die Schullauf­bahn mit sich bringen wird, Denn auch, wenn ihm vieles leicht falle, die Angst vor ei­ner Abwärtsspirale im schuli­schen oder im sozialen Be­reich sei immer da. „Es ist schwierig, ihn zu motivieren, etwas zu tun, das er nicht möchte", sagt die Mutter. In der Schule stoße sie bisher auf viel Verständnis. „Aber man muss immer am Ball bleiben und immer wieder darauf aufmerksam machen, dass diese Kinder eine andere Aufmerksamkeit brauchen,"

l * Alle Namen von der Redaktion geändert

 

 


 

Offener Unterricht hat Methode

Wie Grundschulen sich vorbereiten

 

-kon- Brochterbeck. Wer im Unterricht ein hochbegabtes Kind richtig fördert, der kann viel für die ganze Klasse errei­chen. Davon sind Susanne Weßendorf und Barbara Wömmel, Leiterin der Brochterbecker Grundschule und ihre Stellvertretern!, über­zeugt. Seit zwölf Jahren haben sie besonderes Augenmerk auf die Förderung von Kin­dern mit besonderen Bega­bungen gelegt. „Wie viele an­dere Grundschulen auch", be­tont Susanne Weßendorf. Der sogenannte offene Unterricht hat seither Methode.

Angefangen habe alles mit der Mitteilung einer Mutter, dass ihr Kind als hochbegabt gelte. Es folgten - von einer Wissenschaftlerin begleitet -Informations- und Fortbil­dungsveranstaltungen für das Kollegium. „Wir bekamen Tipps zum praktischen Arbei­ten mit den Kindern", erin­nert sich Barbara Wömmel. Heraus kam eine Unterrichts­methode, die sich seither be­währt habe. „Den Unterricht zu öffnen, viele freie Arbeiten anzubieten", so Wömmel. Da­zu würden die Kinder in der ersten Klasse viel Methoden­arbeit leisten. „Wie kann ich mehr über ein Thema erfah­ren", gehöre zu den Fragen, mit denen Kinder sich befassen. Später sei es dann kein Problem, die Kinder auf unterschiedlichen Ebenen an einem Thema arbeiten zu las­sen. Davon profitierten starke und schwächere Schüler.

Barbara Wömmel nennt ein Beispiel aus dem Deutschun­terricht. So stellten Kinder zum Thema „Mein Lieblings­buch" ihre Lektüre vor. „Gleichzeitig frage ich sprachlich höher begabte Kinder, ob sie Lust haben, Material für eine Biografie über Gutenberg zu sammeln." Inzwischen, so Susanne Weßendorf, gebe es gutes Unterrichtsmaterial: „Zum Beispiel Mathebücher mit besonderen Knobelaufga­ben." Grundsätzlich, so die Pädagoginnen, sollten Eltern und Lehrer keine Angst vor dem Umgang mit hochbegab­ten Kindern haben.

„Das Schlimmste ist, wenn Kinder etwas üben müssen, das sie schon können", sagt Barbara Wömmel. Auch den oft geäußerten Elternwunsch, mit der Einschulung eines Kindes zu warten, um ihm mehr Zeit zu lassen, können die Lehrerinnen nicht nachvollziehen, Weßendorf: „Das ist so, als ob ein Kind bereit ist, das Laufen zu lernen, aber immer nur sitzen darf."


 

 

Leistungsträger vor dem Versagen schützen

Verein „Pro Intelligenz" bietet Anlaufstelle für Eltern von hochbegabten Kindern

 

-kon- Tecklenburger Land.

Dr. Dietmar Frey sagt es provozierend: „Meinen Sie, Michael Phelps hätte acht Goldmedaillen gewonnen, wenn man ihm gesagt hätte: .Schwimm mit den anderen'?" Genau das, so der Vorsitzende von „Pro Intelligenz", des Vereins zur Förderung begabter und hochbegabter Kinder und Jugendlicher, passiere aber Kindern mit besonderen Begabungen, Um die potenziellen Leistungsträger der Gesellschaft von morgen vor dem Vorsagen zu schützen, kämpft der Verein um eine Lobby für Kinder mit besonderen Begabungen.

Vor vier Jahren als Elterninitiative gestartet, will der Verein unter anderem als Anlaufstelle für oftmals ratlose Eltern sein. Zu den Stammtischen im Gebäude der Familienbildungsstätte kommen Eltern, die durch die besonderen Begabungen ihrer Kinder vor viele Probleme gestellt würden. Denn oft verursache eine unentdeckte Hoch­begabung Probleme in Kin­dergärten und Schulen. So hätten hoch­begabte Kin­der oft Schwierigkei­ten im Um­gang mit Gleichaltri­gen, weil deren Interessen nicht den ihren entsprächen, schildern Bernd Krakowitzky und Bettina Wehner vom Vereinsvorstand. Aus Langeweile und Unterforderung störten sie im Unterricht oder machten völlig zu, wenn sie ihre Fähigkei­ten nie richtig abrufen könnten. „Es gibt auch Fälle von körperlichen Problemen, die verschwinden, sobald die Hochbegabung festgestellt wird", beschreibt Bernd Krakowitzky.

Indizien für Hochbegabung seien zum Beispiel, wenn das Kind frühzeitig und eigen­ständig lesen, schreiben und rechnen lerne, erklärt Dr. Dietmar Frey. Wenn es eine hohe Motivation zeige, sich selbst etwas anzueignen. Wenn es sich schon früh mit philosophischen Fragen be­schäftige und zu Gleichaltrigen keinen Kontakt suche.

Die meisten Eltern empfän­den es erleichternd, sich mit Frauen und Männern auszu­tauschen, die ähnliche Erfahrungen mit ihren Kindern gemacht hätten, so Bettina Wehner. Glücklicherweise seien Eltern hellhörig für das Thema Hochbegabung geworden, sodass viele bei Auffälligkeiten frühzeitig eine Hochbegabung in Betracht zögen.

Genau dies möchte der Verein „Pro Intelligenz" errei­chen. Denn je früher eine be­sondere Begabung entdeckt werde, umso eher könne gewährleistet werden, dass das Kind seinen Fähigkeiten ent­sprechend gefördert und gefordert werde, so Frey.

Neben der Elternarbeit möchte  „Pro Intelligenz" vor allem Aufklärung leisten. Dazu möchte sich der Vorstand nun auch Vertreter aus Politik,   Wirtschaft und Wissenschaft zu einem „Bündnis für Begabtenförderung" ins Boot holen. Denn gerade sie, so Frey, dürften ein großes Interesse an der Förderung der Leistungsträger von morgen haben. Erste Gespräche seien geführt, ein Konzept für das Bündnis erarbeitet worden. Ein Ziel ist

zum Beispiel, das Testverfahren zur Diagnose von Hochbe­gabung zu ändern: weg vom Testen des Intelligenzquotien­ten, hin zu einer Art Screening, das Verhaltensmuster abfrage.

Doch auch im Kleinen infor­mieren die Vereinsmitglieder, Sie organisieren Fachvorträge und suchen das Gespräch mit Erziehern und Pädagogen. Angst vor dem Umgang mit hochbegabten jungen Men­schen müsse niemand haben, betont Frey.

„Man muss gar nicht viel tun. Einfach machen lassen", sagt er. Vielen sei schon geholfen, wenn sie in der Schule aufgefordert seien, mit schwächeren Schülern zu üben. „Oder wenn sie in ein, zwei Fächern so richtig Gas geben dürfen", ergänzt Bettina Wehner.

l Kontakt: 0 54 51 / 93 72 82, E-Mail info@prointelligenz.de oder unter www.prointelligenz.de

 

 


 

Zum Thema Hochbegabung

Als hochbegabt gelten Men­schen mit einem Intelligenzquotienten von mehr als 130. Das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung, Wissenschaftliche Untersuchungen besagen, dass die Hirnnerven von Hochbegabten besonders schnell erregbar sind, Ihre Informationsverarbeitung ist etwa doppelt so schnell wie bei andern Menschen. Sie haben eine hohe Aufnahmefähigkeit und Differenzierungsvermögen für Sinneswahrnehmungen. Oft haben sie ein gutes Gedächtnis und ein breites Interessensspektrum. Nicht selten haben Hochbegabte im Kindesalter kaum Kontakt zu Gleichaltrigen.


Literatur:
Franz J. Mönks, Irene H. Ypenburg, "Unser Kind ist hochbegabt: Ein Leitfaden für Eltern und Lehrer", 4. Auflage, Verlag Reinhardt Ernst, 2005

Herbert Horsch, Götz Müller, Hermann-Josef Spicher, "Hochbbegabt und trotzdem glücklich; damit die klügsten kinder nicht die Dümmsten sind", Oberste Brink Verlag, 2006
Andrea Brackmann: "Jenseits der Norm,- hochbegabt und hochsensibel? Die seelischen und sozialen Aspekte  der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen", Klett-Cotta, Stuttgart 2005

 


 

 

 

„Intelligenz ist ein guter Schutzfaktor"

Nur sechs Prozent der Fälle in der Regionalen Schulberatungsstelle haben mit Hochbegabung zu tun

 

Tecklenburger Land.  In etwa sechs Prozent aller Fälle der Regionalen Schulberatungsstelle für den Kreis Steinfurt in Rheine ist Hochbegabung im Spiel. Die Schulpsychologen Astrid Fischer und Paul Mangel sehen weniger Hochbegabung als Quelle für Probleme in der Schule denn andere Faktoren. Das erfuhr Vera Konermann im Ge­spräch mit den beiden.

 

Wie fallen hochbegabte Kin­der in der Schule auf?

 

Mangel: Die meisten fallen nicht negativ auf. Positiv fal­len sie auf, weil sie schnell Zusammenhänge erkennen und schnell lernen,

Fischer: Einige Kinder mit besonderen Begabungen inter­essieren sich schon im Kindergarten für Buchstaben und Zahlen. Aber nicht jedes Kind, das vor der Grundschu­le lesen kann, ist hochbegabt.

 

Was sind typische Probleme hochbegabter Kinder?

 

Mangel: Es gibt viele Kinder, die Probleme haben. Aber das in Zusammenhang mit Hochbegabung zu bringen, ist schwierig. Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen ADHS und Hochbegabung. Das wird von den Elternvereinen häufig anders gesehen.

Fischer: Die meisten Kinder, die hochbegabt sind, haben keine Probleme in der Schule.

 

Wie bewerten Sie dann aber die Klage von Eltern, dass hochbegabte Kinder aufgrund von Unterforderung zu Schulversagern werden?

 

Fischer: Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zur Frage, wie viele der hochbegabten Kinder eine unterdurchschnittliche Leistung zeigen. Das sind nur zehn bis zwölf Prozent von ihnen.

Mangel: Das sind von 63.000 Schülern in NRW nur 126. Aber Underachiever ist man nicht, dazu wird man. Es gibt Untersuchungen zur Frage, was Schulerfolg bedingt. Das wird allgemein als Intelligenz gesehen. Es sind aber andere Faktoren wie das Zurücknehmen von Bedürfnissen, Umgang mit Frustrationserlebnis­sen und Durchhaltevermögen. Die Underachiever haben oft nicht gelernt, zu arbeiten und zu leisten. Der Lernstoff fliegt ihnen in den ersten Jahren zu.

Wer viel lernen muss, der weiß, wie man Probleme bewältigt, Und auch wer begabt ist, muss sich Vokabeln anschauen, um sie zu lernen.

Fischer: Auch ein Kind, das besondere Begabungen hat, muss bestimmte Dinge lernen. Zum Beispiel, wenn es Buchstaben kennt, muss es dennoch den korrekten Bewegungsablauf heim Schreiben eines Buchstabens lernen. Sonst kann es Probleme haben, Schreibschrift zu lernen.

 

Was  raten  Sie Eltern   von hochbegabten Kindern?

 

Mangel: Wenn es kein Problem gibt, braucht man ihnen nichts zu raten. Wenn sie ein Problem haben, das mit mangelnder Anstrengungsbereitschaft zu tun hat, dann müssen sie daran arbeiten. Verwöhnen und Inkonsequenz sind Dinge, die das Arbeitsverhalten nicht fördern.

Fischer: Eltern sollten Interesse an ihrem Kind halten und beobachten, woran es Spaß hat. Sie können es fördern, indem es ein Musikinstrument lernt, Sport treibt oder Sprachkurse besucht,

Mangel: Ich würde Eltern raten, dass das Kind auch Dinge tun muss, die es nicht will. Es muss lernen, etwas aushalten zu können. Hochbegabung ist kein Mangel. Intelligenz ist ein guter Schutzfaktor.

Fischer: Wissenschaftliche Studien belegen, dass begabte Menschen zufriedener sind, sie sind gesünder und haben intensivere Freundschaften.